Fleisch ist mein Gemüse

In den 80er Jahren heuert Heinz Strunk bei der Stimmungskapelle „Tiffany´s“ an. In Glitzersakkos, mit Evergreens aus der gesamten Pop- und Schlagergeschichte im Gepäck touren sie durch norddeutsche Tanbzsäle und Festzelte. Die Bestellerverfilmung „Fleisch ist mein Gemüse“ verbindet den  schonungslosen Blick auf ländliche Feierkultur mit der tragikomischen Biographie einer Jugend im Hamburger Umland.

 

DIE STORY

Trostlos, das beschreibt das Leben von Heinz Strunk (Maxim Mehmet) am besten. Mit Mitte zwanzig wohnt er ohne Job und Perspektiven immer noch bei seiner Mutter (Susanne Lothar) in einer Reihenhaussiedlung in Hamburg-Harburg, südlich – und damit wie er meint auf der falschen Seite  - der Elbe. Zusätzlich leidet er unter ausgeprägter Akne, die seine Chancen bei den Frauen noch weiter minimiert. Da die Popstar-Karriere nicht in Gang kommt. nimmt Heinz notgedrungen einen Job bei der Tanzkapelle „Tiffany´s“ an. Fortan bespasst er mit der Band die Festsäle im Landkreis, bei Tanztees, Hochzeiten und Schützenfesten. Bandleader „Gurki“ (Andreas Schmidt) ist dabei kein noch so platter Kalauer zu peinlich („...Ja, da klatschen die Apachen...“) und kein Schlager zu schnulzig. Gespielt wird, was das Publikum will, von der Polonäse Blankenese bis zu „Mooooaaarius“  Müller-Westernhagen.

Das sichert die Existenz, aber vom angeblichen Glamour des Showbusiness ist in den Gasthöfen Norddeutschlands nicht viel zu spüren. Hier ist Musik noch harte Arbeit, mit Arbeitszeiten bis in die Nacht, reichlich Alkohol und  ungesunden Ernährungsgewohnheiten, die vor allem aus Unmengen Fleisch bestehen. Und auch der weibliche Teil der Zuschauer behandelt die Musiker bestenfalls wie Luft. Gleichzeitig muß Heinz sich um seine psychisch kranke Mutter kümmern, die immer mehr den Bezug zur Realität verliert. Was Heinz durch das Elend hilft, ist die Hoffnung, als Musikproduzent groß herauszukommen. Aber das Können der Sängerinnen, die er castet ist meist stark limitiert. Und wenn doch einmal Talent vorhanden ist, suchen die Möchtegernstars meist schnell das Weite. Aber Heinz hält an seinem Traum fest.

 

DIE STARS

Nachwuchsstar Maxim Mehmet ist gut im Geschäft. Im (gefloppten) Kriegsdrama „Der rote Baron“ spielte er einen elitären Flügelmann des legendären Kampfpiloten. "Fleisch ist mein Gemüse" ist seine erste Hauptrolle , als glückloser Musiker in einer drittklassigen Tanzband. Dabei beweist er Mut zur Häßlichkeit, denn seine Figur Heinz Strunk leidet unter massiver Akne, die allerdings für das Wohlbefinden des Publikums abgeschwächt wurde.

Andreas Schmidt machte sich bisher in kleinen  Komödien wie „Sommer vorm Balkon“ oder „Im Schwitzkasten“ einen Namen, sowie in etlichen „Tatort“- und „Polizeiruf“-Krimis. Genauso war er aber auch im Oscaprämierten Drama „Die Fälscher“ zu sehen. Hier glänzt als der umtriebige Bandleader „Gurki“, der mit seinem nie versiegenden Repertoire schlechter Sprüche zwar wie eine Karikatur, aber doch noch annährend real wirkt – und auf traurige Weise komisch.

Den Kontrapunkt zur überdrehten, gezwungenen Fröhlichkeit der Auftritte setzt Susanne Lothar als psychisch kranke Mutter von Heinz Strunk, die hysterisch zwischen Beschützerinstinkt und Irrsinn pendelt.

 

DER KICK

Wie die Buchvorlage , die 300.000 mal verkauft wurde ist auch der Film eine Gratwanderung zwischen Tragik und Komik. Der Humor basiert dabei vor allem auf den verzweifelten Bemühungen der Band, Stimmung zu erzeugen, vor einem ignoranten meist sturztrunkenen Publikum ohne Ahnung von Musik. Die Mischung aus uralten Gassenhauern, unmöglichen Outfits aus den 80ern wird bei vielen einen Deja Vu–Effekt auslösen, denn solche bierseligen Feste haben die meisten bereits erlebt. Die Landbevölkerung wird hier durchaus schonungslos vorgeführt. Schließlich ist „Fleisch ist mein Gemüse“ ein bittere Abrechnung von Heinz Strunk mit seinem frühren Leben. Schonungslos geht er aber auch mit sich selbst um, lässt keine noch so intime Unzulänglichkeit aus. Das sorgt für ausgleichende Gerechtigkeit. Und schließlich spielt Maxim Mehmet den traurigen Antihelden so rührend, dass er mühelos unser gesammeltes Mitleid einzuheimst, bei den Bemühungen gute Laune in den Festsälen Norddeutschland zu verbreiten, genauso wie bei seinen meist erfolglosen Annäherungsversuchen an das andere Geschlecht. 

 

 

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